Integration? Nein, danke?!

 

„Du sollst dich integrieren“, sagen sie. „Integration ist eine Bringschuld“, sagen sie.
Hallo, ich bin der Manfred aus Köln. Ich komme ursprünglich aus einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt. Ich musste, berufsbedingt, vor einem halben Jahr nach Köln umziehen.
Mein erster Eindruck von Köln ist nicht sehr berauschend, da mir vieles fremd vorkam. In meinem kleinen Dorf, oder auch wenn ich mal nach Magdeburg gefahren bin, war mir die Umgebung stets vertraut. Multikulturelle Einflüsse, wie ich sie hier in Köln ertragen muss, waren nicht vorhanden. Ich habe mich heimisch gefühlt unter meinesgleichen…“
Hallo, ich bin Ahmed aus Magdeburg. Magdeburg? Ein Türke in Magdeburg? Ja ich wohne seit ca. einem Jahr hier und komme ursprünglich aus Köln. Meine Firma hat mich hier nach Osten geschickt, um eine neu eröffnete Filiale zu leiten. Im Gegensatz zu Köln, bin ich hier ein Exot. Ich merke die Blicke, die mir zugeworfen werden, wenn ich durch die Straßen gehe. Ich vermisse meine türkische Community…“
„…Ich kann die fremden Sprachen auf den Straßen nicht mehr hören! Oder die ganzen Kopftuchfrauen, die ihrem Pascha nachlaufen. Ist das noch mein Deutschland? Ich bin zwar kein Rassist, aber unsere deutsche Identität verschwindet mehr und mehr.
Im Interesse nach Gleichgesinnten habe ich mich im Internet erkundigt und bin auf eine Gruppierung gestoßen, die die gleichen Sorgen teilen wie ich. Gelegentlich veranstalten wir Kundgebungen, um auf diesen „Multikultiwahn“ aufmerksam zu machen. Ich will kein Teil davon sein!“

 

„…In meiner türkischen Community habe ich mich wohl gefühlt. Sie teilen meine Mentalität, meine Hingabe zu türkischem Essen und die Liebe zu meiner türkischen Herkunft. Ich habe zwar die deutsche Staatsbürgerschaft, aus funktionalen Gründen, aber meine Herkunft werde ich nie verleugnen. Ich habe meine Identität in Köln gelassen und bin jetzt mitten unter Deutschen, die mich sowieso verachten.“
Zwei Personen. Zwei verschiedene Charakteren, die sich mit ihrer Umgebung nicht identifizieren können.
Wenn sich beide Personen begegnen würden, kämen beide zu dem Entschluss, dass der jeweils andere die Hauptschuld bei den Integrationsproblemen trägt. Dabei sind beide nicht bereit sich zu öffnen, geschweige denn aktiv etwas zu ändern.
In Integrationsdebatten wird dann aber häufig die extreme Position, die Ahmed vertritt, häufig thematisiert, während die Abwehrhaltung von Manfred nicht als Integrationsdefizit empfunden wird. Man könnte sagen, dass derjenige, der keinen Migrationshintergrund hat, keine Integrationsanstrengungen benötigt, da er ja sowieso in seinem Land wohnt. Aber ist das richtig?

Das gesellschaftliche Zusammenleben ist viel facettenreicher als diese beiden Extrempositionen repräsentieren, dennoch zeigen sie die Gedankenkonstrukte der Menschen, die in der pluralistischen Lebenswirklichkeit nicht angekommen sind. Und wenn diese Lebenswirklichkeit nicht wahrnehmbar ist, wird versucht diese zu rekonstruieren. Es kommt dabei nicht selten vor, dass diejenigen, die mit dem jeweils anderen am wenigsten zu tun haben, die größten Ressentiments hegen. Und wenn aus dieser Perspektive, der fehlenden Kenntnis des jeweils anderen, Lösungen für eine Integration präsentiert werden, ist es üblich, dass das Anforderungsprofil einer funktionierenden Integration nur eindimensional ausgerichtet ist.

Eine Gesellschaft ist kein starres System, indem man Schritt für Schritt einen Forderungskatalog abarbeitet. Man kann zwar eine Ausrichtung vorgeben, die eine Integration erleichtert, diese wird sich aber nicht als allgemeingültiges Erfolgsrezept determinieren lassen. Also was tun?

Integration sollte aktiv vorangetrieben werden, und zwar auch von den Integrierten, da es nie ein abgeschlossener Prozess ist. Dabei sind soziale Kontakte von immenser Bedeutung, da Dialoge und das aktive Zusammenleben (Verein, Freizeit, Freunde) die Ketten der Exklusion sprengen. Und wenn dieser Prozess in älteren Generationen nicht funktioniert oder nie stattgefunden hat, dann sollte man umso mehr schon in der Schule damit anfangen, um eine gemeinsame Identität zu schaffen. Dann wird Ahmed nämlich nicht nur aus funktionalen Gründen einen deutschen Pass besitzen, und Manfred hätte ein Grund mehr seine Überfremdungsangst zu überwinden, indem er diese gemeinsame deutsche Identität beim „Migranten“ sieht.

In Zeiten, wo Flüchtige Zuflucht in Deutschland finden, und eine neue Existenz hier aufbauen, müssten wir uns als Deutsche im Klaren sein, womit wir uns identifizieren. Ein Nebeneinanderleben wird kurzfristig funktionieren, aber diese wird auf Dauer starke Auswirkungen haben, wenn Menschen, die seit Generationen hier leben, sich mit Deutschland nicht identifizieren können. JA!, auch Manfred ist einer dieser Probleme, da er sich der Lebenswirklichkeit entzieht und sich nach einem monokulturellen Deutschland sehnt, das nicht mehr existiert. Diese Menschen haben bezüglich der Integration die gleichen Schwierigkeiten wie diejenigen, die sich von außerhalb in dieses Gesellschaftssystem eingliedern. Wenn wir scheitern, gibt es in Zukunft mehr Ahmeds und Manfreds als uns lieb ist…

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