Der Wert der Islamkritik für die Gesellschaft

Der provokante Titel „Warum sind Muslime zurückgeblieben“ von Schakib Arslan ist meines Erachtens kein Zustand, der sich erfolgversprechend auf einen Reformprozess beziehen kann. Und zwar aus zweierlei Gründen:

1. In Zeiten der Globalisierung und der weltweiten Vernetzung durch das Internet, können sich auch muslimische Gesellschaften nicht vor der Modernisierung verstecken. Es gibt viele Menschen in der arabischen Welt, die sich von der Rückständigkeit verabschieden und sich mehr und mehr dem Individualismus widmen. Auch in einem ultrakonservativen Land wie Saudi-Arabien gibt es gesellschaftliche Umwälzungen, die durch die junge Generation vorangetrieben wird. Natürlich geschieht dies im Verborgenen und entgegen der Vorstellung der konservativen Machteliten, die aber früher oder später eingestehen müssen, dass die Zeit sie irgendwann selber einholt, wenn sie nicht den modernen Weg mitgehen.
Und durch den globalisierten Einfluss verändert sich auch das Weltbild der Muslime. Ein dar-ul-harb (Haus des Krieges) und dar-ul-islam (Haus des Friedens) existiert zwar noch in den Köpfen, ist aber lange nicht mehr Konsens. Dann ist es auch nicht abwegig, wenn Millionen Muslime in Not nach Europa flüchten, da sie diesen Ort als „Haus des Wohlstand und der Freiheit“ ansehen
Die arabische Welt ist in den letzten Jahrhunderten durch demütigende Niederlagen und Enttäuschungen gekennzeichnet, wodurch eine „kranke“ Identität, um ihren Gedankengang fortzuführen, entsteht, die nur durch einen uniformellen Charakter wie der Islam noch aufrechterhalten wird. Erst durch die Unmündigkeit unter der Herrschaft der Osmanen und der Kolonialisten kam eine Identitätsbildung als Gegenideologie, die zwar in den Köpfen herumschwirrt, aber sich nie fest etabliert hat. Man sieht sich zwar als Umma, aber weder der Panarabismus, noch der Panislamismus haben funktioniert, was sich aus der Verschiedenheit der einzelnen Bevölkerungen und der Missgunst untereinander erklären lässt.

2. Es gibt noch eine zweite „muslimische Welt“, und zwar, die Welt derjenigen Muslime, die in der westlichen aufgeklärten Welt sozialisiert sind. Mit der Zeit unterscheidet sich diese Gruppe fundamental von der Gruppe, die in muslimischen Ländern leben. Hier kann man sich nicht nur nach Individualismus sehnen, sondern man lebt diesen aktiv aus. Würden diese Muslime nicht von ihrer Freiheit Anspruch nehmen und ihre Reformideen unbeschwert in die Öffentlichkeit bringen, wäre der nichtmuslimischen Welt vieles verborgen geblieben, was Muslime sich insgeheim denken, aber nicht aussprechen wollen oder können.
Das Aufklärungspotential ist vorhanden, diese wird man aber nicht von oben herab diktieren können. Wenn eine flächendeckende Reformation realisierbar ist, dann muss diese selbstauslösend in den Köpfen geschehen. Dazu gehört auch Selbstkritik, richtig, aber dazu gehört auch der Umstand, dass renommierte Islamkritiker, wie sie es sind, keine Diagnosen attestieren.
Ein Psychologe kann sich nicht selber etwas attestieren lassen, er kann dies nur von außen beurteilen. Eine erfolgsversprechende Selbstkritik wäre, wenn er diese „sogenannte Krankheit“ nicht als Instrument nutzt, um die „Kranken“ von Außen her auch als wirkliche Zurückgebliebene/Minderbemittelte zu stigmatisieren. Egal wie gut die Kritik dann sein mag, die ausgestreckte Hand wird nicht angenommen, da man sich nicht auf Augenhöhe begegnet.

Zum Thema: Gewalt im Weltbild

Zu allererst, es gibt nicht DAS muslimische Weltbild, da es zwar, wie schon erwähnt, ein identitätsstiftendes Merkmal, Muslim, existiert, dieses aber im Grunde genommen eine Fata Morgana ist, die nur so den Anschein macht als ob da was wirklich existiert, was man als Umma bezeichnen könnte. Wenn man die tatsächliche Realität betrachtet, wie sich die muslimische Gesellschaft gegenseitig mit Missgunst begegnet, wird man schlussfolgernd zum Ergebnis kommen, dass es keine Einheit (al wahda islamiya) gibt.

Herschsucht, Zerstörungslust, Radikalität und Gewalt sind typische charakteristische Merkmale, die auf einer Gegenreaktion basieren. Der gedemütigte „kranke“ Muslim versucht seine Mündigkeit wiederzuerlangen, indem er einen Herschaftsanspruch hegt und sich der Kontrolle entzeiht. Dieses kann nur durch eine Radikalisierung der Gedemütigten und der Gewalt als Mittel zum Zweck realisiert werden.

Vom wem wird dieses Weltbild aufrechterhalten? Dieses Weltbild wird dann erfolgreich umgesetzt, wenn die Bedingungen dafür günstig sind. Sprich wenn Chaos herrscht und Rattenfänger ihre fundamentalistischen Ideen an das zermürbte Volk verbreiten. Dabei funktioniert diese Ideologie genauso wie andere gesellschaftstheoretischen Idealismen nur, wenn Menschen vom System enttäuscht sind und sich besseren Zeiten sehnen. Wenn wir uns den Nahen Osten näher angucken,ist dieser jahrzehntelangem Kriegsgeschehen untersetzt. Ein Weltbild, dass nicht durch Gewalt und Gegengewalt basiert, wäre unter diesen Umständen eine Überraschung.

Wenn wir aber im Westen sozialisierte Muslime näher durchleuchten, werden wir feststellen, dass das Weltbild sich dem anpasst, in das man lebt. Man kennt die Freiheit der Demokratie und Menschenrechte und möchte diese nicht missen. Muslimische Flüchtlinge hören auch von dieser Freiheit und möchten ein Teil davon sein.
Als Konklusion kann man sagen, dass man das Weltbild nicht einem einfach aufdrücken kann, sondern erst durch die äußeren Bedingungen bestimmt wird.

Hat solch eine These mit der ewigen Pflege der Opferrolle zu tun? Ist die heutige Identitätskrise des Islams und der Muslime hausgemacht? Tragen wir nicht die Verantwortung dafür?

Der postkoloniale Charakter der muslimischen Welt ist unverkennbar. Vor allem Araber vergessen ihre Geschichte nicht und verstecken sich dahinter; sei es durch die Kolonien oder durch die jahrzehntelangen Kriege im Nahen Osten, die durch Mitwirken der Westmächte entscheidend gelenkt wurden. Ein Syrer ist ein Syrer, weil die Westmächte ihn so bestimmt haben. Ein Iraker ist ein Iraker, weil die Westmächte ihn so bestimmt haben usw. usf. (das Sycet-Picot-Abkommen zB)
Die Bevölkerung befindet sich in einer Schockstarre. Die gesellschaftliche Entwicklung stagniert schon seit Ewigkeiten und wird nur durch den Import technologischer Errungenschaften modernisiert. Man hat sich zwar im Stadtbild dem westlichen Lebensstil angenähert, eine gesellschaftliche Umwälzung, wie sie in Europa im Zuge der Industrialisierung und dem Aufstieg der Arbeiterklasse stattgefunden hat, ist in der muslimischen Welt (noch) nicht geschehen.

Was heißt das? Erst durch die Abschaffung des Feudalsystems kam Europa in den Genuss der allmählichen Etablierung der Menschenrechte. Die Arbeiterklasse hat sich erhoben und mehr Rechte gefordert, wodurch das Machtmonopol in den Eliten weitgehend zerstört wurde. Durch die Technologisierung und dem freien Bildungszugang ist der flächendeckende gesellschaftliche Wohlstand (hierbei nicht nur als monetären Reichtum zu sehen) die größte Errungenschaft der westlichen Welt.

Dieser gesellschaftliche Wohlstand, der eine Zufriedenheit im Bezug auf den Lebensstandard gewährleistet, ist der muslimischen Welt verwehrt geblieben. Auch wenn die Golfstaaten zu immensem Reichtum innerhalb kurzer Zeit gekommen sind, hat die gesellschaftlichen Entwicklungen im Bezug auf die Modernisierung keine großen Fortschritte gemacht. Man lebt noch in der Stammeskultur und ist im Grunde genommen nur imstande zu konsumieren. Der Innovationsantrieb wird dabei weitgehend außer Acht gelassen, obwohl das Potential sehr hoch ist. Genau wie in anderen Gebieten, die potentiell durch die Rohstoffe reich sind, die aber nur durch die jeweiligen Machteliten kontrolliert werden oder durch die Gier westlicher Rohstoffindustrien, die sich alles einverleiben.

Der Verlierer dieser Umstände, ist die rückständige Gesellschaft, die sich nur durch Selbstbeweihräucheruung und der Profilierung durch die muslimische Identität hervorheben kann. Man zeigt Stärke, alleine aus der Tatsache, dass man dem einzig wahren Glauben folgt und die Ungläubigen werden sowieso die Verlierer sein. So entsteht eine paradoxe Zusammenstellung: Man ist zwar „Opfer der kriegslustigen westlichen Mächte“, aber man ist gleichzeitig auch der starke Muslim, der den weltlichen Nichtmuslimen moralisch überlegen ist. Diese fest verankerte moralische Überlegenheit ist der Antrieb der islamistischen Ideologie, die sich um die Belange der einfachen oder abgehängten Leute im Kampf gegen die weltlich Überlegenen (Despoten oder die Ungläubigen) kümmern. Unter der Ideologie des Islamismus steckt schon immer ein sozialistischer Gedanke, und zwar der Befreiung der Armen aus dem Elend.

Und hier ist wieder ein Analogieschluss zu sehen: die Gesellschaft sehnt sich nach Gerechtigkeit und will aus ihrem Elend befreit werden. Man sehnt sich nach einem Idealzustand.
In Europa wurde dieser Idealzustand durch die Industrialisierung und der praktischen Gestaltung der Arbeiterklasse vorangetrieben, während in der muslimischen Welt dieser Gesellschaftsprozess nie stattgefunden hat. Die Menschen befinden sich immer noch auf einem relativ intellektuellem Tiefpunkt, vergleichsweise mit der Arbeiterklasse vor hunderten Jahren. Der Säkularismus als entscheidender Antreiber einer modernen kritischen Gesellschaft war nie ein Thema und so existiert immer noch eine Gesellschaft, die erhebliche Schwierigkeiten bei der Identitätsbildung hat.

Die muslimische Gesellschaft wurde schon immer fremdbestimmt, sei es historisch oder wirtschaftlich oder ideologisch durch fundamentalistische Rattenfänger, die einfache Schwarz-Weiß-Schablonen einsetzen. Die pathologische Identitätskrise ist nicht gänzlich hausgemacht, weil multiple Faktoren da hineingeraten, die durch monokausale Schuldzuweisungen nicht gelöst werden können. Nur die Muslime können sich jedoch hier aus diesem Missstand befreien, indem sie sich selber den Herausforderungen stellen.

Welche Rolle seht ihr a) in der „spirituellen Leere“ des westlichen Glaubensmodells, dass sich alles der ökonomischen Rentabilität unterwerfen muss und der Wohlstand extrem ungleich verteilt ist, und b) im geostrategischen Eingreifen „des Westens“ in die „muslimische Welt“ (aber auch in Lateinamerika und Asien) seit dem Zweiten Weltkrieg?

a) Die Vorstellung des hedonistischen Okzidents und des spirituellen Orients ist denk ich nur die halbe Wahrheit. Die Konsumwelt im Zuge der Globalisierung hat sich auf der ganzen Welt verbreitet. Vor allem in den Golfstaaten hat sich Konsum zum Prestige entwickelt, was in unermesslichem Luxus mündet.
Auch der eigentliche spirituellste Ort auf Erden, Mekka, ist mehr zum luxuriösen Erlebnispark verkommen als zum Wallfahrtsort.
Während man im Luxus schwimmt, ist gleichzeitig andernorts ein Glaubensbruder in notleidender Armut. Die zuvor beschriebene Fata Morgana der Umma zeigt sich hier sehr deutlich, da die Hilfsbereitschaft schlichtweg für notleidende Menschen nicht existiert. Die Spiritualität und Lebenszufriedenheit, die durch den Glauben gestützt wird, sieht man gerade bei diesen notleidenden Menschen, die sich mit wenig zufrieden geben und einem zeigen, dass das Leben nicht nur durch den Konsum seine Bedeutung gewinnt.

b) der geostrategische Eingriff des Westens in die muslimische Welt ist immer noch bedeutend, da diese die Gesellschaft geprägt haben. Die Nationalstaaten existieren nur auf Geheiß der Kolonialmächte, die erst durch ihre Festlegung nationale Identitäten gebildet wurden. Dass diese Identitätsbildung großen Problemen unterliegt, habe ich weiter oben beschrieben.

Du sagst also Islamismus ist ein sozialistischer Gedanke?

Islamismus ist nicht gleich Sozialismus, das habe ich nicht geschrieben. Im Islamismus ist ein sozialistischer Gedanke inbegriffen, und zwar dann wenn die islamistischen Ideologen den Armen den Anschein geben, dass sie sie aus dem Elend herausholen. So haben arabische Islamisten, die sich politisch engagiert haben gearbeitet. Man hat die arme Bevölkerung unterstützt und gegen die Machtelite gewettert. Wie z.B. die Muslimbruderschaft, die vom Qutb vorangetrieben wurde, der den Sozialismus in den Islamismus integriert hat.

Ist die Islamkritik von Hamed Abdel-Samad wichtig und berechtigt?
Oder kontraproduktiv?

Ob eine Islamkritik wichtig ist, muss durch den Inhalt entschieden werden. Es gibt Islamkritiker, denen man nicht viel abgewinnen kann und trotzdem teilen diese auch manchmal wichtige Gedanken mit. Man sollte wichtige und berechtigte Islamkritik nicht an bestimmten Personen festmachen. Man sollte sich eher auf tatsächliche Inhalte fokussieren.

 

 

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