Das Krankheitsbild des Islam

Viele Menschen hierzulande leiden unter psychischen Erkrankungen, die entweder behandelt werden oder nicht. Ich würde behaupten, dass diejenigen, die sich einer psychologischen Untersuchung unterzogen haben in der Minderheit sind. Viele leiden unter Psychoticks, die man aber im Laufe des Lebens zu bändigen lernt.

Manch eine böse Zunge würde behaupten, dass Religion eine Wahnvorstellung ist. Man hat Probleme die Lebenswirklichkeit mit dogmatischen Wertvorstellungen zu vereinbaren, deshalb befindet sich der gläubige Mensch ständig in inneren Widersprüchen, die er lösen möchte (oder nicht).

Die Konfrontation mit Religion, vor allem wenn sie auffällig auftritt, kann man nicht verhindern. Auch als Nichtgläubiger wird man zwangsläufig mit Religion konfrontiert. Sei es durch eine religiöse Erziehung aus dem Elternhaus, die man sich „abgewöhnt“ hat oder durch die alltägliche Begegnung mit gläubigen Menschen.

Nun haben wir zwei Personengruppen, die sich eigentlich von ihren Überzeugungen völlig konträr verhalten sollten. Ich behaupte jedoch, dass Teile dieser Gruppen gleichermaßen vom „Krankheitsbild Islam“ betroffen sind.
Noch ein Tipp: Wenn nun beide Gruppen sich beleidigt fühlen, brauchen sie nicht mehr weiterzulesen.

Religiöse Menschen neigen zu Fanatismus, wenn Überzeugungen klar definieren möchte. Jede Lebenssituation wird normativ betrachtet, d.h. sie wird entweder als falsch oder richtig eingeordnet. Man trennt sich von dem Falschen und widmet sich voller Inbrunst dem Richtigen. Dadurch verfestigt sich ein eindimensionales fatalistisches Weltbild, das sich auf alles übertragen lässt. Der fanatische Glaube an die einzig wahre Religion, mit seinem strikten Regelwerk und der Hervorhebung der einzig wahren Auslegung, löst bei dem Gläubigen ein psychologisches Dilemma aus. Er kann zukünftig seine Umgebung nicht mehr nach objektiven Merkmalen bewerten, sondern setzt sein Regelwerk, das ihm der Islam vorgibt, um, indem er alles nach diesem Maßstab bewertet. Dieses Verhaltensmuster bewirkt eine verzerrte Wahrnehmung der Lebenswirklichkeit, da man nicht mehr nach kritischen Gesichtspunkten seine Umgebung aufnimmt.

Und was haben Nichtgläubige damit zu tun?
Einige würden jegliche Analogien kategorisch verneinen. Aber sind da wirklich keine Parallelen zu finden? Ich behaupte immer noch ja.

Man möchte sagen, dass nichtgläubige Menschen bzw. Atheisten die Religion aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Natürlich stimmt dies zum größten Teil, aber hier muss man trotzdem einen kritischen Sachverhalt ansprechen, der einen besonderen Anteil am aufkeimenden „Krankheitsbild Islam“ hat.

Fanatismus kann nicht nur religiös begrundet werden, Fanatismus entsteht auch durch eine „Ideoligisierung der Kritik“. Was meine ich damit?

Es gibt zunächst die Religionskritik, die natürlich für den gesellschaftlichen Fortschritt von großer Bedeutung ist. Wenn diese Religionskritik jedoch mit anderen ideologischen Elementen vermengt wird, läuft man Gefahr sich dem Fanatismus zu widmen. Auf die heutige Zeit übertragen mischt man seine latente Fremdenfeindlichkeit mit einer nihilistischen anmutenden Sichtweise im Bezug auf die Religionskritik und erzeugt ein fanatisches Konstrukt, das genauso eindimensional und festgefahren ist.

Das Krankheitsbild des Islam ruft also nicht nur beim fanatischen Muslim psychologische Wahrnehmungsstörungen hervor, sondern auch beim fanatischen Nichtgläubigen, der sich mit der Psychose namens Islam „infiziert“ hat. Die Indoktrination hat bei beiden Personengruppen stark zugeschlagen, wobei alternative Sichtweisen bezüglich des Islam nicht mehr erwünscht sind. Sie sind nicht nur erwünscht, man möchte die Existenz anderer Sichtweisen bekämpfen und den einzig wahren Weg predigen. Ein Weg, den man nebeneinander geht ohne jedoch dem jeweils anderen eines Blickes zu würdigen, weil man sich im höchsten Maße verachtet. Dieser Blick, der dringend notwendig wäre, um dem eigenen Krankheitsbild namens Islam in die Augen zu sehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Integration? Nein, danke?!

 

„Du sollst dich integrieren“, sagen sie. „Integration ist eine Bringschuld“, sagen sie.
Hallo, ich bin der Manfred aus Köln. Ich komme ursprünglich aus einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt. Ich musste, berufsbedingt, vor einem halben Jahr nach Köln umziehen.
Mein erster Eindruck von Köln ist nicht sehr berauschend, da mir vieles fremd vorkam. In meinem kleinen Dorf, oder auch wenn ich mal nach Magdeburg gefahren bin, war mir die Umgebung stets vertraut. Multikulturelle Einflüsse, wie ich sie hier in Köln ertragen muss, waren nicht vorhanden. Ich habe mich heimisch gefühlt unter meinesgleichen…“
Hallo, ich bin Ahmed aus Magdeburg. Magdeburg? Ein Türke in Magdeburg? Ja ich wohne seit ca. einem Jahr hier und komme ursprünglich aus Köln. Meine Firma hat mich hier nach Osten geschickt, um eine neu eröffnete Filiale zu leiten. Im Gegensatz zu Köln, bin ich hier ein Exot. Ich merke die Blicke, die mir zugeworfen werden, wenn ich durch die Straßen gehe. Ich vermisse meine türkische Community…“
„…Ich kann die fremden Sprachen auf den Straßen nicht mehr hören! Oder die ganzen Kopftuchfrauen, die ihrem Pascha nachlaufen. Ist das noch mein Deutschland? Ich bin zwar kein Rassist, aber unsere deutsche Identität verschwindet mehr und mehr.
Im Interesse nach Gleichgesinnten habe ich mich im Internet erkundigt und bin auf eine Gruppierung gestoßen, die die gleichen Sorgen teilen wie ich. Gelegentlich veranstalten wir Kundgebungen, um auf diesen „Multikultiwahn“ aufmerksam zu machen. Ich will kein Teil davon sein!“

 

„…In meiner türkischen Community habe ich mich wohl gefühlt. Sie teilen meine Mentalität, meine Hingabe zu türkischem Essen und die Liebe zu meiner türkischen Herkunft. Ich habe zwar die deutsche Staatsbürgerschaft, aus funktionalen Gründen, aber meine Herkunft werde ich nie verleugnen. Ich habe meine Identität in Köln gelassen und bin jetzt mitten unter Deutschen, die mich sowieso verachten.“
Zwei Personen. Zwei verschiedene Charakteren, die sich mit ihrer Umgebung nicht identifizieren können.
Wenn sich beide Personen begegnen würden, kämen beide zu dem Entschluss, dass der jeweils andere die Hauptschuld bei den Integrationsproblemen trägt. Dabei sind beide nicht bereit sich zu öffnen, geschweige denn aktiv etwas zu ändern.
In Integrationsdebatten wird dann aber häufig die extreme Position, die Ahmed vertritt, häufig thematisiert, während die Abwehrhaltung von Manfred nicht als Integrationsdefizit empfunden wird. Man könnte sagen, dass derjenige, der keinen Migrationshintergrund hat, keine Integrationsanstrengungen benötigt, da er ja sowieso in seinem Land wohnt. Aber ist das richtig?

Das gesellschaftliche Zusammenleben ist viel facettenreicher als diese beiden Extrempositionen repräsentieren, dennoch zeigen sie die Gedankenkonstrukte der Menschen, die in der pluralistischen Lebenswirklichkeit nicht angekommen sind. Und wenn diese Lebenswirklichkeit nicht wahrnehmbar ist, wird versucht diese zu rekonstruieren. Es kommt dabei nicht selten vor, dass diejenigen, die mit dem jeweils anderen am wenigsten zu tun haben, die größten Ressentiments hegen. Und wenn aus dieser Perspektive, der fehlenden Kenntnis des jeweils anderen, Lösungen für eine Integration präsentiert werden, ist es üblich, dass das Anforderungsprofil einer funktionierenden Integration nur eindimensional ausgerichtet ist.

Eine Gesellschaft ist kein starres System, indem man Schritt für Schritt einen Forderungskatalog abarbeitet. Man kann zwar eine Ausrichtung vorgeben, die eine Integration erleichtert, diese wird sich aber nicht als allgemeingültiges Erfolgsrezept determinieren lassen. Also was tun?

Integration sollte aktiv vorangetrieben werden, und zwar auch von den Integrierten, da es nie ein abgeschlossener Prozess ist. Dabei sind soziale Kontakte von immenser Bedeutung, da Dialoge und das aktive Zusammenleben (Verein, Freizeit, Freunde) die Ketten der Exklusion sprengen. Und wenn dieser Prozess in älteren Generationen nicht funktioniert oder nie stattgefunden hat, dann sollte man umso mehr schon in der Schule damit anfangen, um eine gemeinsame Identität zu schaffen. Dann wird Ahmed nämlich nicht nur aus funktionalen Gründen einen deutschen Pass besitzen, und Manfred hätte ein Grund mehr seine Überfremdungsangst zu überwinden, indem er diese gemeinsame deutsche Identität beim „Migranten“ sieht.

In Zeiten, wo Flüchtige Zuflucht in Deutschland finden, und eine neue Existenz hier aufbauen, müssten wir uns als Deutsche im Klaren sein, womit wir uns identifizieren. Ein Nebeneinanderleben wird kurzfristig funktionieren, aber diese wird auf Dauer starke Auswirkungen haben, wenn Menschen, die seit Generationen hier leben, sich mit Deutschland nicht identifizieren können. JA!, auch Manfred ist einer dieser Probleme, da er sich der Lebenswirklichkeit entzieht und sich nach einem monokulturellen Deutschland sehnt, das nicht mehr existiert. Diese Menschen haben bezüglich der Integration die gleichen Schwierigkeiten wie diejenigen, die sich von außerhalb in dieses Gesellschaftssystem eingliedern. Wenn wir scheitern, gibt es in Zukunft mehr Ahmeds und Manfreds als uns lieb ist…

Der Wert der Islamkritik für die Gesellschaft

Der provokante Titel „Warum sind Muslime zurückgeblieben“ von Schakib Arslan ist meines Erachtens kein Zustand, der sich erfolgversprechend auf einen Reformprozess beziehen kann. Und zwar aus zweierlei Gründen:

1. In Zeiten der Globalisierung und der weltweiten Vernetzung durch das Internet, können sich auch muslimische Gesellschaften nicht vor der Modernisierung verstecken. Es gibt viele Menschen in der arabischen Welt, die sich von der Rückständigkeit verabschieden und sich mehr und mehr dem Individualismus widmen. Auch in einem ultrakonservativen Land wie Saudi-Arabien gibt es gesellschaftliche Umwälzungen, die durch die junge Generation vorangetrieben wird. Natürlich geschieht dies im Verborgenen und entgegen der Vorstellung der konservativen Machteliten, die aber früher oder später eingestehen müssen, dass die Zeit sie irgendwann selber einholt, wenn sie nicht den modernen Weg mitgehen.
Und durch den globalisierten Einfluss verändert sich auch das Weltbild der Muslime. Ein dar-ul-harb (Haus des Krieges) und dar-ul-islam (Haus des Friedens) existiert zwar noch in den Köpfen, ist aber lange nicht mehr Konsens. Dann ist es auch nicht abwegig, wenn Millionen Muslime in Not nach Europa flüchten, da sie diesen Ort als „Haus des Wohlstand und der Freiheit“ ansehen
Die arabische Welt ist in den letzten Jahrhunderten durch demütigende Niederlagen und Enttäuschungen gekennzeichnet, wodurch eine „kranke“ Identität, um ihren Gedankengang fortzuführen, entsteht, die nur durch einen uniformellen Charakter wie der Islam noch aufrechterhalten wird. Erst durch die Unmündigkeit unter der Herrschaft der Osmanen und der Kolonialisten kam eine Identitätsbildung als Gegenideologie, die zwar in den Köpfen herumschwirrt, aber sich nie fest etabliert hat. Man sieht sich zwar als Umma, aber weder der Panarabismus, noch der Panislamismus haben funktioniert, was sich aus der Verschiedenheit der einzelnen Bevölkerungen und der Missgunst untereinander erklären lässt.

2. Es gibt noch eine zweite „muslimische Welt“, und zwar, die Welt derjenigen Muslime, die in der westlichen aufgeklärten Welt sozialisiert sind. Mit der Zeit unterscheidet sich diese Gruppe fundamental von der Gruppe, die in muslimischen Ländern leben. Hier kann man sich nicht nur nach Individualismus sehnen, sondern man lebt diesen aktiv aus. Würden diese Muslime nicht von ihrer Freiheit Anspruch nehmen und ihre Reformideen unbeschwert in die Öffentlichkeit bringen, wäre der nichtmuslimischen Welt vieles verborgen geblieben, was Muslime sich insgeheim denken, aber nicht aussprechen wollen oder können.
Das Aufklärungspotential ist vorhanden, diese wird man aber nicht von oben herab diktieren können. Wenn eine flächendeckende Reformation realisierbar ist, dann muss diese selbstauslösend in den Köpfen geschehen. Dazu gehört auch Selbstkritik, richtig, aber dazu gehört auch der Umstand, dass renommierte Islamkritiker, wie sie es sind, keine Diagnosen attestieren.
Ein Psychologe kann sich nicht selber etwas attestieren lassen, er kann dies nur von außen beurteilen. Eine erfolgsversprechende Selbstkritik wäre, wenn er diese „sogenannte Krankheit“ nicht als Instrument nutzt, um die „Kranken“ von Außen her auch als wirkliche Zurückgebliebene/Minderbemittelte zu stigmatisieren. Egal wie gut die Kritik dann sein mag, die ausgestreckte Hand wird nicht angenommen, da man sich nicht auf Augenhöhe begegnet.

Zum Thema: Gewalt im Weltbild

Zu allererst, es gibt nicht DAS muslimische Weltbild, da es zwar, wie schon erwähnt, ein identitätsstiftendes Merkmal, Muslim, existiert, dieses aber im Grunde genommen eine Fata Morgana ist, die nur so den Anschein macht als ob da was wirklich existiert, was man als Umma bezeichnen könnte. Wenn man die tatsächliche Realität betrachtet, wie sich die muslimische Gesellschaft gegenseitig mit Missgunst begegnet, wird man schlussfolgernd zum Ergebnis kommen, dass es keine Einheit (al wahda islamiya) gibt.

Herschsucht, Zerstörungslust, Radikalität und Gewalt sind typische charakteristische Merkmale, die auf einer Gegenreaktion basieren. Der gedemütigte „kranke“ Muslim versucht seine Mündigkeit wiederzuerlangen, indem er einen Herschaftsanspruch hegt und sich der Kontrolle entzeiht. Dieses kann nur durch eine Radikalisierung der Gedemütigten und der Gewalt als Mittel zum Zweck realisiert werden.

Vom wem wird dieses Weltbild aufrechterhalten? Dieses Weltbild wird dann erfolgreich umgesetzt, wenn die Bedingungen dafür günstig sind. Sprich wenn Chaos herrscht und Rattenfänger ihre fundamentalistischen Ideen an das zermürbte Volk verbreiten. Dabei funktioniert diese Ideologie genauso wie andere gesellschaftstheoretischen Idealismen nur, wenn Menschen vom System enttäuscht sind und sich besseren Zeiten sehnen. Wenn wir uns den Nahen Osten näher angucken,ist dieser jahrzehntelangem Kriegsgeschehen untersetzt. Ein Weltbild, dass nicht durch Gewalt und Gegengewalt basiert, wäre unter diesen Umständen eine Überraschung.

Wenn wir aber im Westen sozialisierte Muslime näher durchleuchten, werden wir feststellen, dass das Weltbild sich dem anpasst, in das man lebt. Man kennt die Freiheit der Demokratie und Menschenrechte und möchte diese nicht missen. Muslimische Flüchtlinge hören auch von dieser Freiheit und möchten ein Teil davon sein.
Als Konklusion kann man sagen, dass man das Weltbild nicht einem einfach aufdrücken kann, sondern erst durch die äußeren Bedingungen bestimmt wird.

Hat solch eine These mit der ewigen Pflege der Opferrolle zu tun? Ist die heutige Identitätskrise des Islams und der Muslime hausgemacht? Tragen wir nicht die Verantwortung dafür?

Der postkoloniale Charakter der muslimischen Welt ist unverkennbar. Vor allem Araber vergessen ihre Geschichte nicht und verstecken sich dahinter; sei es durch die Kolonien oder durch die jahrzehntelangen Kriege im Nahen Osten, die durch Mitwirken der Westmächte entscheidend gelenkt wurden. Ein Syrer ist ein Syrer, weil die Westmächte ihn so bestimmt haben. Ein Iraker ist ein Iraker, weil die Westmächte ihn so bestimmt haben usw. usf. (das Sycet-Picot-Abkommen zB)
Die Bevölkerung befindet sich in einer Schockstarre. Die gesellschaftliche Entwicklung stagniert schon seit Ewigkeiten und wird nur durch den Import technologischer Errungenschaften modernisiert. Man hat sich zwar im Stadtbild dem westlichen Lebensstil angenähert, eine gesellschaftliche Umwälzung, wie sie in Europa im Zuge der Industrialisierung und dem Aufstieg der Arbeiterklasse stattgefunden hat, ist in der muslimischen Welt (noch) nicht geschehen.

Was heißt das? Erst durch die Abschaffung des Feudalsystems kam Europa in den Genuss der allmählichen Etablierung der Menschenrechte. Die Arbeiterklasse hat sich erhoben und mehr Rechte gefordert, wodurch das Machtmonopol in den Eliten weitgehend zerstört wurde. Durch die Technologisierung und dem freien Bildungszugang ist der flächendeckende gesellschaftliche Wohlstand (hierbei nicht nur als monetären Reichtum zu sehen) die größte Errungenschaft der westlichen Welt.

Dieser gesellschaftliche Wohlstand, der eine Zufriedenheit im Bezug auf den Lebensstandard gewährleistet, ist der muslimischen Welt verwehrt geblieben. Auch wenn die Golfstaaten zu immensem Reichtum innerhalb kurzer Zeit gekommen sind, hat die gesellschaftlichen Entwicklungen im Bezug auf die Modernisierung keine großen Fortschritte gemacht. Man lebt noch in der Stammeskultur und ist im Grunde genommen nur imstande zu konsumieren. Der Innovationsantrieb wird dabei weitgehend außer Acht gelassen, obwohl das Potential sehr hoch ist. Genau wie in anderen Gebieten, die potentiell durch die Rohstoffe reich sind, die aber nur durch die jeweiligen Machteliten kontrolliert werden oder durch die Gier westlicher Rohstoffindustrien, die sich alles einverleiben.

Der Verlierer dieser Umstände, ist die rückständige Gesellschaft, die sich nur durch Selbstbeweihräucheruung und der Profilierung durch die muslimische Identität hervorheben kann. Man zeigt Stärke, alleine aus der Tatsache, dass man dem einzig wahren Glauben folgt und die Ungläubigen werden sowieso die Verlierer sein. So entsteht eine paradoxe Zusammenstellung: Man ist zwar „Opfer der kriegslustigen westlichen Mächte“, aber man ist gleichzeitig auch der starke Muslim, der den weltlichen Nichtmuslimen moralisch überlegen ist. Diese fest verankerte moralische Überlegenheit ist der Antrieb der islamistischen Ideologie, die sich um die Belange der einfachen oder abgehängten Leute im Kampf gegen die weltlich Überlegenen (Despoten oder die Ungläubigen) kümmern. Unter der Ideologie des Islamismus steckt schon immer ein sozialistischer Gedanke, und zwar der Befreiung der Armen aus dem Elend.

Und hier ist wieder ein Analogieschluss zu sehen: die Gesellschaft sehnt sich nach Gerechtigkeit und will aus ihrem Elend befreit werden. Man sehnt sich nach einem Idealzustand.
In Europa wurde dieser Idealzustand durch die Industrialisierung und der praktischen Gestaltung der Arbeiterklasse vorangetrieben, während in der muslimischen Welt dieser Gesellschaftsprozess nie stattgefunden hat. Die Menschen befinden sich immer noch auf einem relativ intellektuellem Tiefpunkt, vergleichsweise mit der Arbeiterklasse vor hunderten Jahren. Der Säkularismus als entscheidender Antreiber einer modernen kritischen Gesellschaft war nie ein Thema und so existiert immer noch eine Gesellschaft, die erhebliche Schwierigkeiten bei der Identitätsbildung hat.

Die muslimische Gesellschaft wurde schon immer fremdbestimmt, sei es historisch oder wirtschaftlich oder ideologisch durch fundamentalistische Rattenfänger, die einfache Schwarz-Weiß-Schablonen einsetzen. Die pathologische Identitätskrise ist nicht gänzlich hausgemacht, weil multiple Faktoren da hineingeraten, die durch monokausale Schuldzuweisungen nicht gelöst werden können. Nur die Muslime können sich jedoch hier aus diesem Missstand befreien, indem sie sich selber den Herausforderungen stellen.

Welche Rolle seht ihr a) in der „spirituellen Leere“ des westlichen Glaubensmodells, dass sich alles der ökonomischen Rentabilität unterwerfen muss und der Wohlstand extrem ungleich verteilt ist, und b) im geostrategischen Eingreifen „des Westens“ in die „muslimische Welt“ (aber auch in Lateinamerika und Asien) seit dem Zweiten Weltkrieg?

a) Die Vorstellung des hedonistischen Okzidents und des spirituellen Orients ist denk ich nur die halbe Wahrheit. Die Konsumwelt im Zuge der Globalisierung hat sich auf der ganzen Welt verbreitet. Vor allem in den Golfstaaten hat sich Konsum zum Prestige entwickelt, was in unermesslichem Luxus mündet.
Auch der eigentliche spirituellste Ort auf Erden, Mekka, ist mehr zum luxuriösen Erlebnispark verkommen als zum Wallfahrtsort.
Während man im Luxus schwimmt, ist gleichzeitig andernorts ein Glaubensbruder in notleidender Armut. Die zuvor beschriebene Fata Morgana der Umma zeigt sich hier sehr deutlich, da die Hilfsbereitschaft schlichtweg für notleidende Menschen nicht existiert. Die Spiritualität und Lebenszufriedenheit, die durch den Glauben gestützt wird, sieht man gerade bei diesen notleidenden Menschen, die sich mit wenig zufrieden geben und einem zeigen, dass das Leben nicht nur durch den Konsum seine Bedeutung gewinnt.

b) der geostrategische Eingriff des Westens in die muslimische Welt ist immer noch bedeutend, da diese die Gesellschaft geprägt haben. Die Nationalstaaten existieren nur auf Geheiß der Kolonialmächte, die erst durch ihre Festlegung nationale Identitäten gebildet wurden. Dass diese Identitätsbildung großen Problemen unterliegt, habe ich weiter oben beschrieben.

Du sagst also Islamismus ist ein sozialistischer Gedanke?

Islamismus ist nicht gleich Sozialismus, das habe ich nicht geschrieben. Im Islamismus ist ein sozialistischer Gedanke inbegriffen, und zwar dann wenn die islamistischen Ideologen den Armen den Anschein geben, dass sie sie aus dem Elend herausholen. So haben arabische Islamisten, die sich politisch engagiert haben gearbeitet. Man hat die arme Bevölkerung unterstützt und gegen die Machtelite gewettert. Wie z.B. die Muslimbruderschaft, die vom Qutb vorangetrieben wurde, der den Sozialismus in den Islamismus integriert hat.

Ist die Islamkritik von Hamed Abdel-Samad wichtig und berechtigt?
Oder kontraproduktiv?

Ob eine Islamkritik wichtig ist, muss durch den Inhalt entschieden werden. Es gibt Islamkritiker, denen man nicht viel abgewinnen kann und trotzdem teilen diese auch manchmal wichtige Gedanken mit. Man sollte wichtige und berechtigte Islamkritik nicht an bestimmten Personen festmachen. Man sollte sich eher auf tatsächliche Inhalte fokussieren.

 

 

Integration: Kollektivismus vs. Individualismus

Die Welt ist kompliziert. Richtig? Ja richtig.

Wir, die Menschen, versuchen trotzdem die Komplexität zu erfassen, indem wir versuchen Heuristiken (einfache Entscheidungsregeln) aufzubauen, die uns das Leben leicht erklärbar machen. Wir versuchen die Welt abstrakt zu halten, damit wir den Überblick nicht verlieren. Wer will denn schon den Überblick verlieren? Oder wer will zugeben den Überblick verloren zu haben?

Wenn wir in gesellschaftlichen Debatten über konkrete Themen diskutieren, sind wir gewillt diese mit bestimmten Schlüsselbegriffen zu füllen. Zur Flüchtlingsdebatte fallen uns immer wieder die gleichen Schlüsselbegriffe ein: Integration, Islam, Freiheit. Was haben diese Begriffe nun gemeinsam?

All jene Begriffe, die ich aufgezählt habe, werden durch ihre vielfältigen Bedeutungen charakterisiert.  D.h., dass der individualistische Ansatz hier greift, da verschiedene Assoziationen mit diesen Begriffen vorliegen. Wir haben zwar einen konsensuale Grundlage, die eine Diskussionsbasis schafft, jedoch wird diese dann durch die verschiedenen Zugänge zu diesem Thema individuell variiert.

Der Fokus dieses Textes wird sich auf den Begriff der Integration konzentrieren, da man dadurch die wesentlichen Konflikte zwischen dem Kollektivismus und Individualismus klarstellen kann.

Integration hat einen klaren kollektivischen Ansatz, da die Gesellschaft im Allgemeinen im Vordergrund steht. Man stellt die kollektivistischen klar vor den individualistischen Zielen. Wie passt diese Erkenntnis nun mit der Freiheit der Individualität in einer funktionierenden Demokratie?

Wir wollen uns nämlich frei entfalten können, aber gleichzeitig auch das gesellschaftliche Gemeinwohl aufrechterhalten. Um dieses Gemeinwohl nicht zu gefährden, müssen wir uns als Gesellschaft einigen und gegebenfalls ein Stück von unserer Freiheit opfern. Diese Freiheitseinschränkung bringt uns aber Sicherheit in Form von Gesetzen und Regeln, die ein funktionierendes Gesellschaftssystem gewährleistet.

Was passiert nun, wenn die In-Group (also Menschen, die schon immer hier gelebt haben) mit einer Out-Group (z.B. Flüchtlinge)  konfrontiert wird?

Bei diesem Sachverhalt wird deutlich, dass der Kollektivismus und der Individualismus fließende Übergänge besitzt. Hier wird nämlich ein zuweilen starker kollektiver Gedanke gefördert („Wir sind das Volk“), um sich von der ankommenden Out-Group abzugrenzen. Dabei werden die individualistischen Empfindungen genutzt, um eine kollektivistische Illusion herbeizurufen. Diejenigen, die „Wir sind das Volk“ auf den Straßen schreien sind überzeugt davon, dass sie die Gesellschaft repräsentieren.

Wir benutzen also Wörter, die aus verschiedenen Perspektiven Sinn ergeben. Es ist keine Schande den Überblick zu verlieren, da es den komplett wahrhaftigen Ansatz nicht gibt. Erst durch die individuelle Einbringung verschiedener Ideen wird man herausfinden, ob es konsensuale Schnittmengen gibt oder nicht. Der Begriff Integration gewinnt also erst dann an Bedeutung, wenn dieser seinen individuellen Charakter nicht verliert. Einen allgemeingültigen Katalog, wie Integration funktioniert, wird es in meinen Augen nicht geben, da es, wie bei der semantischen Herangehensweise , nicht nur einen Weg gibt.

Zurück in die Vergangenheit?

Wir kritisieren Umstände, weil wir unzufrieden sind. Oder weil wir befürchten unzufrieden zu werden. Dabei ist die erste Variante greifbar. Wir bemessen unsere Unzufriedenheit an unmittelbaren Dingen, die wir erfahren. So weit so gut.

Und die zweite Variante? Wie können wir Unzufriedenheit messen, ohne sie unmittelbar zu erfahren? Der Familienvater befürchtet eine finanzielle Notlage, da er auf Grundlage seiner finanziellen Mittel diese gut abschätzen kann. Es gibt also eine Befürchtung der Unzufriedenheit, die greifbar sein könnte.

Es gibt aber auch eine Unzufriedenheit, die diffus ist und keine Bemessungsgrundlage hat; womit wir zum eigentlichen Thema kommen:

In gesellschaftlichen Debatten, die heutzutage geführt werden, verwendet man desöfteren Szenarien. Manche Szenarien sind positiv, andere wiederum sind negativ behaftet.
Das Szenario, das im Moment in aller Munde ist, ist die bevorstehende „Islamisierung“, die kurz bevorsteht oder schon inmitten ihrer Entfaltung ist. Sogenannte „besorgte Bürger“ befürchten eine Unzufriedenheit, die einem bevorsteht, wenn diese ominöse Islamisierung in Kraft tritt. Also eine Islamisierung, die auf Szenarien fußt und keiner wirklichen Bemessungsgrundlage untersteht. Wenn diese Bemessungsgrundlage nur auf mangelndem Fundament existiert, wird diese Unzufriedenheit mit irrationalen Ängsten komplettiert, die vor allem Ressentiments und Halbwahrheiten beinhaltet.

Wie gestalten wir also eine gesellschaftliche Debatte, die zeitgemäß und pragmatisch den zukünftigen Herausforderungen engegentritt?

Etwa mit Instrumenten, die wir schon zu Anfang der kritischen Auseinandersetzung genutzt haben? Also etwas so lange wiederholen bis jeder diese Probleme auswendig aufzählen kann? Bringt eine solche rückwärtsgewandte Kritik à la „Zurück in die Vergangenheit“ etwas, die den fortschrittlich Wandel fördert?

Wenn es um den Islam oder Parallelgesellschaften geht, haben wir schon seit etwa 10 Jahren eine kritische Basis aufgebaut, die diese gesellschaftlichen Missstände anprangert. Jede Woche wird mindestens eine Talkshow diesem Thema gewidmet und trotzdem werden auch dort immer die gleichen Inhalte gebetsmühlenartig postuliert.
Eine Kritik, vor allem in Richtung der Religionen, ist notwendig, da der Fundamentalismus den Fortschritt in den Gesellschaften hindert. Und in Zeiten des Flüchtlingsdramas, wo eben viele Menschen aus patriarchalen Gesellschaften kommen, wird dieser Umstand die Gesellschaft weiter bewegen.

Eine gesellschaftliche Debatte sollte darauf bedacht sein zielorientiert Probleme anzugehen. D.h. man sollte versuchen die Errungenschaften der jahrelangen kritischen Auseinandersetzung zu nutzen, um diese dann effizient in der realen Welt zu implementieren. Probleme totschweigen bis sie einen überwältigen sollte nicht das Ziel sein. Leider wurde diese Taktik bei der „Heranzüchtung“ der Parallelgesellschaften stillschweigend hingenommen. Wenn man die Probleme aus humanistischer Sicht kritisiert und jeglichen Extremismus ins Abseits stellt, wird auch die Arbeit eines Ahmad Mansour, den ich sehr schätze, Früchte tragen.

Der Fokus auf die Vergangenheit wird unsere Unzufriedenheit dabei nicht besiegen können, sondern eher verschlimmern, wenn wir Befürchtungen, die wir gesammelt haben, in die Zukunft mittragen.